„Klage – Hilfeschrei – Zuversicht“

Eine Auslegung zu Psalm 10 von Fritz Ehmendörfer

In Psalm 10 erhebt ein zutiefst Angefochtener ein Klagelied.

Er tut das angesichts des Leids, das Gottesverächter, Gewalttäter und Habgierige mit ihrem schlimmen Treiben über Elende und Arme bringen. In der Geschichte des Alten Testaments gehört unser Psalm 10 eng zusammen mit dem vorhergehenden Psalm 9. In der griechischen Übersetzung des Alten Testament sind die beiden Psalmen sogar zu einem zusammengefasst, obwohl sie inhaltlich sehr verschieden sind. Psalm 9 wird König David zugeschrieben und ist vor allem ein Lob- und Danklied. Ja, geradezu ein Siegeslied der Armen und Elenden gegen die Gottlosen, die Frevler, die Unterdrücker. So V 2-4: „Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder. Ich freue mich und bin fröhlich in dir und lobe deinen Namen, du Allerhöchster, dass meine Feinde zurückweichen mussten.“  David weiß: dies alles hat er Gott zu verdanken. David weiß auch, dass Gott, der Herr schlussendlich den ganzen Erdkreis und die Nationen richten wird mit seiner Gerechtigkeit.

Unser heutiger Psalm 10 hat demgegenüber einen ganz andern Grundton. Wir hören zunächst keinen Lobpreis auf Gott wie in Psalm 9. Im Gegenteil. Zutiefst angefochten stellt der Beter gleich zu Beginn – fast anklagend – die uns so bekannte „Warum-Frage“:  „HERR, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?“
Und später in Vers 13 noch einmal: „Warum darf der Frevler so frech lästern und in seinem Herzen sprechen: ‚Gott hat’s vergessen, er hat sein Antlitz verborgen, er wird’s nimmermehr sehen‘“. (V 13) In 11 von 18 Versen seufzt und klagt der Beter in unserem Psalm über den Jammer und das Elend des Armen und Schwachen, der dem Treiben des übermütigen Gottlosen, Habgierigen und Gewalttätigen hilflos ausgeliefert zu sein scheint. Er kann nicht mehr an sich halten. Es bricht aus seinem Innersten hervor und er zählt etliche der gemeinen Schandtaten und gotteslästerlichen Taten in seinem Gebet auf.
Z.B.: „Weil der Frevler Übermut treibt, müssen die Elenden leiden.“ „Sein Mund ist voll Fluchens, voll Lug und Trug; seine Zunge richtet Mühsal und Unheil an.“ „Er mordet die Unschuldigen heimlich, seine Augen spähen nach den Armen. Er lauert im Verborgenen wie ein Löwe im Dickicht, er lauert, dass er den Elenden fange; er fängt ihn und zieht ihn in sein Netz.“ Die uralte Frage der Menschheit „Warum lässt Gott all das Leid zu?“ hat sich Luft gemacht.

Doch dann – völlig unerwartet – ist ein befreiender Hilfeschrei zu hören.

Urplötzlich verstummt das Klagelied nach V11. Und in V 12 ist vom Beter ein gebietender Gebetsruf zu vernehmen: „Steh auf, HERR! Gott, erhebe deine Hand! Vergiss die Elenden nicht!“

Die Worte von Psalm 10 selbst lassen nicht erkennen wie es zu dieser plötzlichen Umkehrung beim Beten kam. Eben noch die verzweifelte Klage über einen verborgenen Gott und dann plötzlich der beherzte Hilfeschrei. Eben noch: „Warum stehst du so ferne – und verbirgst dich zur Zeit der Not?“ Und jetzt: „Steh auf, du Gott Israels. Erhebe deine Hand!“

Wie konnte es dazu kommen? Vielleicht waren die beiden Psalmen 9 und 10 in der Tat bei ihrer Entstehung eine Einheit. Dann könnten wir es möglicherweise mit einem überraschenden Blickwechsel des Beters zu tun haben. Der schaut plötzlich nicht länger auf das was der Böse anrichtet, sondern er lenkt seinen Blick auf das was sein Gott tun kann und erinnert sich wie Gott schon oft helfend eingegriffen hat. Das soll auch jetzt wieder geschehen. Der Angefochtene kann über das zu Herzen gehende Elend um ihn herum hinausblicken und  zuversichtlich auf Gottes sieghaftes Handeln vertrauen. Er betet: „Herr Gott, du schaust den Jammer, vergiss den Elenden nicht; du bist der Waisen Helfer. Zerbrich den Arm des Frevlers.“ „Suche den Frevel heim, dass man nichts mehr davon findet.“

Jetzt ist der Blick des Beters auf Gottes Macht gerichtet. Sein Blickwechsel hat in seinem Herzen hat eine völlige Veränderung geschaffen und Zuversicht bewirkt;
die anfängliche Niedergeschlagenheit wurde besiegt und vertrieben. Nur noch triumphierende Worte sind von da an bis zum Ende des Gebets zu hören. Sie erinnern an den vorausgehenden Psalm 9. In einer neueren Übersetzung klingt das Gebet Psalm 10 mit einem Siegesruf so aus:

„Gott, der Herr, ist König für immer und ewig! Die ihn missachten, verschwinden aus seinem Land. Du hast die Sehnsucht der Armen gestillt,
Herr, du stärkst ihr Herz, du hörst auf sie. Du schaffst den Waisen und Bedrückten Recht; kein Mensch auf der Erde muss mehr erschrecken.“

Ich habe mir die Frage gestellt: Wie kommt es, dass dieses – vielleicht 3000 Jahre alte Gebet von Psalm 10 für uns an Gott und an Jesus Glaubende bis heute so hochaktuell ist? Wie kommt es, dass dieser Dreiklang beim Beten: „zuerst Klage – dann Hilfeschrei – und zuletzt Zuversicht“ die Zeiten überdauert hat. Seit Urzeiten bis heute erleben Gläubige wie aus ihrem Notschrei: „HERR, warum?“ und nach einem Hilferuf: „Steh auf Herr, erhebe deinen Arm“ sich bei ihnen die feste Zuversicht einstellt: „Der HERR ist König immer und ewig, … du schaffst Recht den Waisen und Armen!“

Die Bibel gibt uns eine Antwort: Unser menschliches Leben auf dem Planeten Erde findet seit dem Sündenfall in diesem Spannungsfeld statt. Der Teufel als der Widersacher Gottes hat die ganze Menschheit unter den Fluch der Sünde gebracht. Wohl hat Jesus mit seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung uns Menschen aus der Versklavung unter die Sünde erlöst und Satan besiegt. Völlig ausgeschaltet aber hat er ihn noch nicht. Das ist erst mit der Wiederkunft Jesu verheißen. Bis dahin leiden an vielen Orten auf unserem Planeten Menschen z.T. schrecklich unter schreiender Ungerechtigkeit und erbarmungsloser Ausbeutung. Viele mögen denken: und Gott schweigt. Aber nein, er schweigt nicht. Seit Jesus, der Sohn Gottes, auf unsere Erde war ist eine neue Zeit angebrochen. Die tödliche Macht der Sünde und des Todes ist gebrochen. „Jesus Christus hat den Tod entmachtet und uns durch die gute Botschaft unvergängliches Leben geschenkt.“ (2.Tim 1,10 NeÜ)

Es mag sein, dass der Böse uns schwer zusetzt sodass wir jammern und klagen: „Ach, Herr, mein Gott, warum?“ Er will uns als Glaubende aus der Gemeinschaft mit Jesus herauslösen. Eins aber kann er nicht verhindern: dass wir in aller Not unseren Blick auf Jesus werfen und um Hilfe zu schreien. Jesus wird uns ganz gewiss heraushelfen.

Gesendet in ERF Plus Bibel heute am 12.3.2017

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