Des Apostels Paulus innerstes Ergehen: Einerseits „himmelhoch jauchzend“ andererseits „zu Tode betrübt“

Predigt zu Römer (8,31ff),9,1-8.14-16

Am 5. August 2018 feierte die Evangelische Kirche in Deutschland den jährlichen „Israelsonntag“, immer am 10. Sonntag nah dem Dreieinigkeitsfest. Wollen wir Christen aus den Nationen unser Verhältnis zum jüdischen Volk, zum Gottesvolk Israel bestimmen, dann kann es uns helfen dort genauer hinzusehen, wo biblische Zeugen sich mit diesen Fragen persönlich auseinandergesetzt haben. Eine herausragende Person ist dabei der Apostel Paulus. Er erlebte die persönliche Veränderung von einem fanatischen Jesusgegner in einen lebenslangen leidenschaftlichen Zeugen seines gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

Es gibt eine Stelle in den Briefen des Apostels Paulus, die sehr anspruchsvoll und herausfordernd ist und alles andere als leicht verständlich. Aber sie lässt ganz tief in das Innerste seines Seelenlebens blicken, das zugleich in allergrößtes Erstaunen versetzt. Wir reden vom Römerbrief des Apostels Paulus.

In den wenigen Sätzen am Ende von Kapitel 8 und zu Beginn von Kapitel 9 offenbart er den Lesern seines Briefes eine extreme Weite seiner Gefühlswelt. Diese schwingt sich einerseits empor zu „himmelhoch jauchzend“ und stürzt danach unmittelbar ab in tiefste Traurigkeit „zu Tode betrübt“. Alle sechs Jahre ist ein Abschnitt davon als  Predigttext (Rö 9,1-16) vorgeschlagen. Leider kommt in dieser Auswahl die Spannung nicht direkt zum Ausdruck. Es soll darum hier an dieser Stelle der Textabschnitt leicht erweitert werden. Zwischen Rö 8,31 – 9,1-16 lesen wir u.a.: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? … Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Aber ich sage damit nicht, dass Gottes Wort hinfällig geworden sei. Denn nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen; auch nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind darum seine Kinder. Sondern nur »was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden« (1.Mose 21,12), das heißt: nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern nur die Kinder der Verheißung werden als seine Nachkommenschaft anerkannt.  Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn er spricht zu Mose (2.Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich« So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.

Zwischen Rö 8,28.39 und Rö 9,1ff kommt nun dieser unerwartete und unübersehbare Bruch: „Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“.

Jäh und unvermittelt nach dem vorausgehenden überwältigenden Jubel bricht es im übernächsten Vers aus Paulus heraus: „… ich habe große Traurigkeit und einen unablässigen Schmerz in meinem Herzen.“ (Rö 9,2) Paulus war sich wohl dessen bewusst, dass überfließende Freude einerseits und abgrundtiefe Traurigkeit andererseits schwerlich zusammen passen. Darum – so könnte man vermuten – hält er kurz inne und macht eine kurze Bemerkung. Machen wir uns klar: Im Gegensatz zu unseren Bibelausgaben gab’s im Originalbrief von Paulus weder Überschriften noch Kapitel bzw. Verseinteilungen. Sodass nach den letzten Sätzen unseres Kapitels 8 „nichts, nichts, kann uns scheiden von der Liebe Gottes …“  unvermittelt die Worte folgen: „Ich habe große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass …“. Ich könnte mir denken, dass Paulus beim Niederschreiben dieser Sätze zuerst selbst erschrocken war. Und darum den Satz einfügte, im Sinne von „Wundert euch nicht was jetzt kommt“:  „Was ich jetzt sage, sage ich in der Gegenwart Christi. Ich lüge nicht. Mein Gewissen bezeugt mir, und der Heilige Geist bestätigt mir, dass es die Wahrheit ist und dass ich nicht übertreibe“. (Rö 9,1)

Jetzt lässt Paulus die Leser seines Briefes in sein Inneres blicken. So wie die Sätze seines Briefes unmittelbar neben einander liegen, tun es auch die Gefühle im Herzen des Paulus: Jubelnde Gewissheit über eine herrliche Zukunft bei Jesus einerseits . Hart daneben aber abgrundtiefe Traurigkeit und unablässiger Schmerz andererseits, wenn er an seine unerlösten jüdischen Volksgenossen denkt. Beides – jubelnde Freude und unaufhörliche Schmerzen pulsieren ganz real in seiner Brust. Offensichtlich schließt eines das andere nicht aus. Beides ist nicht nur möglich, sondern es gehört für die Jetztzeit bis zur Wiederkunft Jesu zusammen.

Aus den ersten 8 Kapiteln seines Römerbriefes wird unmissverständlich deutlich warum Christen allen Grund haben in höchsten Jubel über unser Heil in Jesus auszubrechen. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Daneben die Verse ab Kapitel 9. Sie machen deutlich, warum Paulus so abgrundtief traurig ist über sein eigenes Volk. Der Grund ist: Sie lehnen den gottgesandten Messias in ihrer Mehrheit ab und damit eben auch ihr ewiges Heil.

Paulus trägt unsäglich schwer daran, dass der Großteil seines eigenen Volkes ihren gottgesandten Messias ablehnt. Er denkt, fühlt, empfindet „im heiligen Geist“; das will sagen, es ist die Wahrheit Gottes, die ihn mit dem lebendigen Christus verbindet. Das ist sein Geheimnis: Paulus empfindet in völliger Übereinstimmung mit Gott und Jesus Christus. Der Heilige Geist hat ihm diese Gewissheit eingegeben. Paulus weiß was Israel von Gott „gegeben“ ist. Und Paulus weiß auch: Dies gehört dem Gottesvolk noch immer. Obwohl sie, ja trotzdem sie, ihren Messias verworfen haben. „Gott hat sein Volk Israel nicht verstoßen“, schreibt Paulus zwei Kapitel später. Dies ist alles andere als selbstverständlich.

Doch welch ein Jammer, welch eine Tragik: Israel verachtet und verschmäht seinen kostbaren Besitz noch immer. Und zwar so lange wie seine jüdischen Volksgenossen ihren Messias ablehnen. Allein in Jesus Christus sind alle Gottesverheißungen Ja und Amen. Nur Jesus Christus kann aus einen Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs zu einem Kind der Verheissung, zu einem Gotteskind machen und diesen in seine ihm von Gott gegebene Berufung hineinführen. Dann, wenn dieser Jesus im Glauben annimmt. Es wird einmal dazu kommen, dass ganz Israel dies tun wird. Dann, wenn wie angekündigt, der Überrest Israels gerettet und in den „Neuen Bund“ hineingenommen wird. (Rö 11,25f) Darin verspricht Gott seinem Volk Israel das neue Herz. (Jer 31,31-34 u.ö) Dann wird das ewige Friedensreich unter dem Messiaskönig Jesus verwirklicht werden und Israel zu seiner Bestimmung gekommen sein.

Bei alledem ist Paulus nicht fertig mit seinem Volk, vielmehr liebt er sein Volk Israel und wie:  mit der Liebe Gottes. Paulus liebt sein Volk die Juden, die Israeliten, mit einer Liebe die alles kosten darf. Wenn Paulus könnte, so würde er sich selbst für seine jüdischen Volksgenossen opfern, um sie zu retten. Er hatte inständig zu Gott gefleht: „Herr, verfluche mich an der Stelle meines Volkes, trenne mich von Christus“. Welch überwältigende Liebe zu seinem Volk zeigt sich hierin. Sie verwundert umso mehr, als Paulus von seinem Volk über Jahrzehnte nur Ablehnung und Verfolgung erlebt hat. Mehrfach wurde er ausgepeitscht, einmal sogar gesteinigt. Er überlebte nur knapp. Und doch war er bereit für sein Volk sich Gott „zu opfern“. Aber Gott hatte schon lange einen anderen Heilsweg erwählt. „Für Juden zuerst und auch für Nichtjuden“ (Rö 1,16). Wir leben in der Zeit nach Christi Kreuz und Auferstehung. Christus hat den Fluch für Sünder auf sich genommen zum Heil derer die an ihn glauben. Gottes Heilsplan kommt durch ihn zur Vollendung. Die Herrschaft der Liebe kommt.

Was für eine Kraft beseelte den Paulus, woher kam sie ihm?

Paulus ist getrieben von der Liebe Gottes. Sie ist ausgegossen in menschliche Herzen durch den Heiligen Geist. Die Liebe Gottes ist eine Frucht des Heiligen Geistes. Diese göttliche Liebe ist nicht „made by men“, nicht menschlicher Natur. Sie ist „made by God“. Diese Liebe ist göttlicher Natur. Die gibt es aus menschlicher Anstrengung heraus nicht. Diese Liebe ist von göttlicher Qualität. Das ist eine Kraft von einem „andern Stern“.

Sie können hier die ganze Predigt lesen. Das Thema ist bis heute höchst aktuell.

Rö_8,31-9,16_i.A_Predigt_zu_Israelsonntag

 

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